me my shelle & I

"I am still testing the waters between silence and shouting, still working out the intricacies of feminism and masculinity. still trying to find myself. I once read, scribbled on a bathroom wall, 'Gender is a universe and we are all stars.' I am still trying to pinpoint my constellation." mateo, 22, trans* from "transfigurations" by jana marcus

 

 

ich werde oft gefragt, wie ich auf meinen namen kam bzw. auf diese seltsame schreibweise. die antwort ist leider profaner als vermutet.

zum einen wollte ich nahe an meinem früheren namen sein, wieso es komplizierter machen?

die schreibweise aber ist purer zufall. auf einer homepage war der nickname michelle schon besetzt, ebenso mishelle.

die variante mit y war noch frei: seither also myshelle. dass diese schreibweise assoziationsreich ist, merkte ich erst später.

my shelle für meine muschel, my she elle für drei frauen. und der obige titel ist eine anspielung auf das wunderschöne album "me myself and I" von joan armatrading.

ach ja, und dass das y als zweiter buchstabe im vornamen wunderschön korrespondiert mit dem zweitletzten meines nachnamens - auch das habe ich erst später bemerkt, ist aber um so schöner. tja so banal können zufälle sein.

 

"glaubst du nicht, es wäre einfacher gewesen, so zu bleiben, wie du warst? ich hob das gesicht und sah meiner mutter in die augen. und ich sagte zu ihr: aber so war ich doch immer."
jeffrey eugenides

 

seit wann weisst du es? es gibt wohl keine frage, die mir in den letzten jahren häufiger gestellt wurde. aber was heisst "wissen"? und vor allem: was ist "es"?

 

"i weiss nid, was es isch, aber das möcht i sii.

weiss nid, was es isch, chas nid säge, was es isch."

martin suter/stephan eicher

 

seit sommer 2010 bin ich in hormontherapie und mittlerweile vollständig geoutet - in familie, verwandtschaft, freundeskreis und job. mit meist positiven reaktionen. ausser bei meinem damaligen vorgesetzten bzw. arbeitgeber und meiner ehemaligen frau sowie deren familie und freunde. deren hass, ignoranz und öffentliche diffamierungen führten mich an den rand meiner kräfte. selbst mediales engagegement und der gang vor die schlichtungsbehörde nach gleichstellungsgesetz konnten nicht verhindern, dass ich meinen arbeitsplatz wegen meines coming outs verlor. die bösartigkeit, die intriganz und die vehemenz, mit der mich diese wenigen menschen zuerst bekämpft und dann ignoriert haben, erschüttert mich bis heute...

 

mit der schmerzlichen erfahrung des stellenverlustes wegen transphoben vorgesetzten oder behörden bin ich aber leider nicht allein. eine soeben veröffentlichte untersuchung des transgender networks switzerland tgns zeigt erschreckende zahlen: die arbeitslosigkeit bei transmenschen liegt in der schweiz bei 20 % und damit rund 6 mal höher als im durchschnitt. jeder transmensch verlor aufgrund seines transseins mindestens einmal den arbeitsplatz, das höchste risiko sind das coming out und die anschliessende transition. hier die genauen ergebnisse.

 

das coming out von uns transmenschen ist aber weniger das ende eines langen bewusstwerdungsprozesses, als vielmehr der anfang eines das ganze leben umfassenden und den alltag in all seinen bezügen durchdringenden transitionsprozesses: namensänderung, personenstandsänderung, anpassung aller ausweise und zeugnisse, hormonbehandlung, logopädie, epilation, psychotherapie, gerichtsverfahren, operationen, streitigkeiten mit krankenkasse, trennung, scheidung, jobverlust usw.

 

"der alltägliche umgang in dieser welt formt sich also scheichend, in den meisten fällen wird erst jetzt realisiert, dass die aussenseiterrolle zeitlebens weiter bestehen wird. diese erkenntnis muss geleistet werden, um eine selbstsichere position in einer transsexuellen identität zu finden." annette güldenring

 

es war 7 uhr morgens und ich war erst wenige sekunden auf der strasse auf dem weg zum nahe gelegenen briefkasten, als aus dem vorbei fahrenden lieferwagen heraus dieser anzügliche pfiff ertönte, den wohl jede frau kennt - aber nur wenige schätzen. für mich hat der tag gut begonnen. proud to be trans*!

 

"und ob ich meinen schritt einmal bedauern würde, werde ich erst in ein paar jahren beantworten können. dann, wenn ich genauer abschätzen kann, was ich aufgeben musste, um das zu werden, was ich schon immer gewesen bin." balian buschbaum

 

zürich, im februar 2012

myshelle baeriswyl

dr. phil. psychologin & sexualpädagogin ISP

 

last update 10. november 2015: curriculum, trans*aktuell, life after transition