life after transition 2014/15

"der alltägliche umgang in dieser welt formt sich also schleichend, in den meisten fällen wird erst jetzt realisiert, dass die aussenseiterrolle zeitlebens weiter bestehen bleibt. diese erkenntnis muss geleistet werden, um eine selbstsichere position in einer transsexuellen identität zu finden." annette güldenring

 

transphobie im alltag

 

transphobie hat viele gesichter. ein wirtschaftliches, ein rechtliches, ein medizinisches, ein psychologisches, ein politisches... und sie trägt auch die hässliche fratze des alltags. in beziehungen, begegnungen und kommunikation. gerade da ist sie am verstecktesten, aber auch am verletzendsten - im sozialen nahraum. mögen wir trans* in der modebranche, im film, an miss- und misterwahlen oder in der werbung angelangt sein - im alltag gibts noch wenig akzeptanz. diese versteckte transphobie sichtbarer zu machen, nicht mehr zu schweigen oder alles in sich hinein zu fressen, darum gehts in dieser serie. um öffentlichkeit, um sichtbarkeit, um aufdeckung, um aufklärung - zur sprache bringen. analog dem sichtbarmachen beispielsweise von sexueller gewalt. eine serie übrigens, die ich liebend gern beenden würde, kämen nicht fast täglich neue situationen dazu. dass sich hinter den geschichten reale menschen verbergen, liegt in der natur der sache. aber sie kämen nicht drin vor, würden sie sich nicht so verhalten.

 

Ein mann der sich zur frau macht? Nein das geht nicht", begrüsst mich entsetzt die mutter meiner freundin. Niemand korrigiert oder widerspricht - auch meine freundin nicht. "DEINE transthematik wurde mir einfach zuviel", wird sie mich monate später verabschieden. 

 

Zaghaft beginnende freundschaft, gemeinsamer kinobesuch "der freie fall". "Ich kann die scham der eltern schon verstehen, dass ihr sohn schwul ist", sagt sie im anschluss. "Ich weiss ja auch nicht, ob ich dich in meinen freundeskreis einführen kann."

 

 

Zugsgespräch im abteil hinter mir. 4 jugendliche, ca. 18jährig, thema: transsexuelle. "Krank so etwas. Die sollte man erschiessen. Hej ist ein mann schwul, wenn er mit so einer, ähm einem ins bett geht? Voll der bschiss, so eine! Und wenn ers nicht merkt? Ach das merkt mann. Und wenn sie, also er gut operiert ist?..." Ich koche innerlich, zittere am ganzen körper vor wut. Flüchten oder standhalten?

 

 

5 jahre gay parship. frau sucht frau. ein fazit. konversationsduktus.
"ihr seid doch alle krank" "oh mein gott, du bist trans?" "ich hab mich wenigstens auf dich eingelassen." "bist du wenigstens operiert?" "ich kann dir nicht garantieren, dass ich nicht zuweilen eine möse brauche." "ein hübsches zwischending, aber nie eine frau" "schöne bilder, aber ich suche jmd. männlicheres" (sic!) "sorry, nicht in der jetzigen lebensphase" "wieso schreibst du das nicht im profil?'" "sorry, ich hab kein coming out gemacht um wieder mit einem mann..." "ich suche eine richtige frau" "echt? ich hätts nicht gemerkt" "danke sagst dus mir" "dann warst du ein mann?" "viel glück!" "machs gut!" "sicher ein schwieriger weg, aber ich suche keine weiteren belastungen" "wow, mutig. leb wohl!" "zu femmes" "suche mehr etwas androgyneres"... to be continued

 

 

kurzes atemholen

 

samstagabendparty auf lauschigen hinterhofterrassen mitten in der altstadt von zürich. eine bunte gästeschar u.a. aus kultur, medien und psychoszene. viele interessante gespräche mit open minded, kommunikativen und undogmatisch-kritischen menschen. für ein paar stunden hatte ich dieses gefühl von normalität, des fraglosen dazugehörens, wie ich es seit jahren so vermisse...

 

shame on you

 

"Scham gehört von Kindheit an so untrennbar zu Transitionserfahrung, dass es nahezu unmöglich ist, zu transitionieren, sich zu outen oder ein geschlechtervariantes Leben zu führen, ohne wiederkehrend, dauerhaft und vielgestaltig beschämt zu werden. Deswegen ist es so schwer, sich dagegen zur Wehr zu setzen."
"Scham ist das Scharnier zwischen Diskriminierung und Selbsthass“ - sie benennen, diskursivieren und so überwinden eine gegenstrategie. schweigen ist tödlich.
Und wenn ich mit dem benennen wiederholt beziehungen riskiere - "gibts für dich nur dieses thema?" - ist die antwort: nein, ich suchs nicht, ihr drängts mir auf...



daily business


drei jungs, alter um die 10, unüberhörbar balkan-slang, spielen fussball vor meinem gartensitzplatz. "wer wohnt hier?", fragt der eine. "eine transe, halb mann, halb frau." sie haben mich nicht bemerkt. ich geh raus und stelle sie zur rede. "jungs, so redet ihr nicht über mich. ich respektiere euch, ihr mich auch, ok? und sonst habt ihr hier ausgespielt". verdattert schauen sie mich an. "ja entschuldigen sie, tut uns leid", sagen sie unisono. ich geh auf sie zu, sie zucken leicht zusammen, ich gebe ihnen die hand: "hi, ich bin myshelle und wie heisst du?" ja ronaldo, semi und marcel, so gehts doch auch, oder?

 

 

Genderdämmerung. Ein diskurs

“In no other community is the link between rights and health so clearly visible as in the transgender community." - und diese rechte erhalten wir nicht geschenkt, sondern müssen sie uns erkämpfen.

FD Klar erhalten wir die nicht freiwillig, die Gesellschaft möchte ja, dass wir aussterben. Doch haben die Nichts, aber auch gar NICHTS verstanden. Trans* entsteht nicht durch vererben, sondern willkürlich in den ersten neun Lebensmonaten im Mutterleib. Davon bin ich überzeugt. Und niemand wird das je ändern können.!

MB Ich halte ursachendenken für verfehlt, egal welche theorie

FD Ist das nicht essentiell für die ergebnisoffenen Lösungsansätze?
Nicht Ursachendenken, aber Ursachenansätze denken?

MB Nein. Ursachendenken ist der erste schritt zu dessen beseitigung

FD Wie soll Mensch dann heran denken?

MB Nicht geschlechtervielfalt steht zur disposition, sondern die ideologie der zweigeschlechtlichkeit. Natur arbeitet immer mit vielfalt, egal wo, das ist ihr überlebensprinzip. Ich plädiere für einen kompletten paradigmenwechsel. Nicht geschlechtliche vielfalt muss erklärt werden, sondern die sozialhistorische genese der ideologie der gender binarität

FD Ideologie der Binären Nicht-Vielfalt? Keine Ursache?
Dein Ansatz ist für die Vielfalt der Gesellschaft zu 80% unverständlich. Ich bin bei dir, aber ich habe so meine Erlebnisse?

MB Ach weisst du die kopernikanische wende kam auch nicht von heute auf morgen. Und manche haben immer noch eine scheibe. Aber ich denke mich an eine kopernikanische genderwende heran... Und eines tages werden wir verwundert auf eine zeit zurück blicken, wo die menschen ernsthaft meinten, es gäbe in diesem unversum nur mann und frau. Heute sehen die menschen, dass die erde eine kugel ist. Je sichtbarer gendervielfalt wird, desto akzeptierter. Genderdämmerung. Und es ward licht!

FD Da pflichte ich dir bei, aber bis dahin müssen die Menschen einen Quantensprung über ihren eigenen Schatten machen, jedenfalls die die eine Schraube für eine Schraube halten

MB Die locker sitzt

MB Wir sollten die ideologie der zweigeschlechtlichkeit wie einen kühlschrank betrachten. Über 90 % der industriellen artefakte sind bloss rund 100 jahre alt - auch wenn wir sie als norm(alität) betrachten

 

clairvoyance

 

mit zwei jüngeren brüdern aufgewachsen, männliche sozialisation, gendersepariert im kindergarten, in der schule, im turnen, das militär eine kurze, aber traumatische erfahrung, meist mit frauen zusammen oder befreundet. dann partnerinnenschaft, kinder, übernahme der weiblich konnotierten familienrolle, teils unwillkommenes, genderstereotypes, meist weibliches lob "ihr seid toll ihr jungen väter", teils abwertung, vor allem seitens frauen ("will der nicht sein eigenes geld verdienen?"). weibliches leben in der heimlichkeit. coming out nach 48 jahren, transition. ankommen in der welt der frauen? mitnichten, ich war ihr sozial nie so fern... bestenfalls toleriert. aber akzeptiert? als frau? als partnerin? light years away... wie tiefgreifend genderbinarität und heteronormativität in den köpfen steckt, hab ich unterschätzt. kein ort. nirgends.

 

 

toleranz


"minderheiten haben ein gespür für die brüchigkeit gesellschaftlicher toleranz", beschrieb der sexualwissenschaftler martin dannecker den zustand der deutschen gesellschaft im verhältnis zu ihren sexuellen minderheiten. diese brüchigkeit erlebe ich aber nicht nur in bezug auf die "gesellschaft", sondern wie beschrieben auch innerhalb LGBT: wenn schwule uns als transen bezeichnen oder mit dragqueens verwechseln, oder lesben transfrauen jegliche weiblichkeit absprechen, oder trans* über homosexuelle menschen herziehen.... ja selbst das T ist mittlerweile zersplittert in T+T. nein, auch die community ist keine (mehr?)....

 


zweigeschlechtlich


...und immer noch flirrt dieser satz von lann hornscheidt in meinem kopf. balsam für die seele. danke lann: "in einer welt, die darauf basiert, dass alles zweigeschlechtlich ist (und in paarbeziehungen funktioniert. anm. mb), gibt es natürlich eine grundlegende einsamkeit, die nur ich überwinden kann. Ich fühle mich sehr viel weniger einsam, seitdem ich das versuche."



sprache - denken - wirklichkeit


endlich wieder mal an einem längeren text arbeitend: "queering psychotherapie. geschlechtervarianz, geschlechtsidentität und die ideologie der zweigeschlechtlichkeit". was für ein glücksgefühl, nach der gärphase, der materialbündelung, der strukturierungsphase jetzt in der schreibphase zu sein. hochkonzentriertes arbeiten, assoziationen integrieren, zur sprache bringen. synapsenglühen... arbeit am text, abarbeiten der welt, eintauchen in mich... i'm still alive.



personenstandsänderung


nach 5 monaten bearbeitungszeit stellt das bezirksgericht zürich fest, dass "die gesuchstellende partei nun weiblichen geschlechts ist." Sie sei in ihrem "wunschgeschlecht" angekommen und akzeptiert, die "phase der geschlechts- identitätsfindung" sei abgeschlossen, eine "erneute rückänderung" sei unwahrscheinlich, medizinische "geschlechtsumwandlungen" seien teilweise erfolgt, das "vorhandensein von zeugungsunfähigkeit" dürfe nicht mehr vorausgesetzt werden. in erwägung zu ziehen sei einzig noch die weglassung des "soweit ersichtlich rein männlichen zweiten vornamens". die entscheidgebühr werde auf CHF 800.- festgesetzt. ach ja, die schriftliche begründung wurde an herr baeriswyl geschickt.... was ja eine gewisse binäre logik hat, der antragsteller war ja ein "mann"....



eva


manchmal denke ich an die zeit mit E. zurück. wir waren nur kurz zusammen, wenige monate. aber wenn zwei schiffbrüchige sich aneinander festhalten, ist es nur eine frage der zeit, bis eine ertrinkt. ich erinnere mich an deine schlaflosigkeit, wie du nur mit medikamenten einigermassen zur ruhe kamst. an dein nächtliches herumwandern, schweissgebadet, an das knacken des mentholfilters, wenn du dir eine zigarette nach der anderen angezündet hast. an das flackern in deinen augen. frühmorgens schon hast du über urknall und das ende der welt spekuliert. ich konnte dir kaum folgen. hast ABBA gehört, jedes lied mitgesungen, stundenlang. du, die ausgebildete konzertflötistin, bewandert in der ganzen klassischen musik. du warst immer nah am psychischen absturz, und oft abgestürzt ins bodenlose. deine geschichte hat dich immer wieder eingeholt. du hast mir später dann noch eine mail geschrieben und dich für die gemeinsame zeit bedankt. ich habe nicht reagiert. es war deine letzte nachricht. hast du jetzt den urknall gesehen, eva?

 

sport


ciao bella, begrüsst mich eine sich noch im aufstieg zum allalin befindende italienische viererseilschaft älterer herren. kommst du mit uns noch auf den alphubel? Oh wow schöne frau, kompliment, eine andere rein männliche seilschaft kurz danach. Und ein bergführer (die machen eigentlich NIE komplimente), begrüsste mich: oh hallo mutige frau! echt jetzt, geht runter wie butter. ich sollte mehr viertausender machen.

 

seit meiner transition verfüge ich noch über einen bruchteil meines früheren sportlichen leistungsvermögens. das war teilweise so frustrierend, dass ich sport komplett aufgab. jetzt finde ich langsam zurück. auf einem anderen level, mit anderen ambitionen, aber immer noch mit demselben glücksgefühl: yes I can!

 

female trans*exclusion part 73


einladung zum abendessen bei einer bekannten. notabene die erste seit jahren. weitere g‰ste zwei frauen. im laufe des abends kommen wir auf sport zu reden und wie herrlich jetzt im sommer das baden sei. ich schildere das spiessrutenlaufen in duschen und garderoben und dass ich deswegen kaum noch schwimme. notabene sei danach auch die frisur im eimer, bemerke ich noch augenzwinkernd. "Ja das ist bei uns frauen auch so", pflichtet mir eine der beiden bei.



male compliment no. 89


 "oh hallo", begrüsst mich der verkäufer im pronto-shop. "wie gehts dir?" "danke gut und ihnen?", antworte ich. "Ich freu mich immer, dich zu sehen. wohnst du hier in der gegend?", fragt er weiter. ich fühle mich seltsam nackt in seinem blick.



morgendlicher dialog


"hast du es schon mal bereut?", fragt mich eine freundin auf fb. "was denn?", frage ich zurück. "deine geschlechtsanpassung." "nein, keine sekunde", antworte ich, "ich würde es wieder machen. selbst im wissen, was passieren kann. endlich im richtigen leben, trotz allem mist. danke der nachfrage." "danke dir", antwortet sie. "wofür?" frage ich. "dass du so bist!" wow was für ein morgendlicher dialog, der tag kann kommen. danke T.


dialog auf gayparship, frau sucht frau

sie, 53, geschieden, 2 erwachsene kinder

sie: bist du wenigstens umgewandelt?
ich: wieso willst du das wissen?
sie: na ich muss doch wissen, worauf ich mich einlasse.
ich: hast du deine gebärmutter noch?
sie: gehts noch? das geht dich nichts.
ich: eben. und übrigens nennen wirs genitale angleichung.

zwei minuten später war ich gesperrt.

 

 

seldwyla

sehr geehrte damen_herren der zentralen inkassostelle der zürcher gerichte
sie stellen per 23.8.2016 rechnung bzgl. eines gerichtlichen personenstandsänderungsverfahrens an herrn myshelle baeriswyl. dazu muss ich ihnen mitteilen, dass per gerichtsentscheid vom 25. juli 2016 herr baeriswyl amtlich nicht mehr existiert. ich bitte sie deshalb, besagte rechnung an frau myshelle baeriswyl zu schicken. ich bin mir sicher, sie wird dann den von ihnen in rechnung gestellten betrag von sfr. 800.- begleichen.
mit freundlichen grüssen....


gender trouble nr. 97


abendlicher telefonanruf
mb: ja hallo.
zkb: guten abend, hier herr xy von der zkb, ich suche frau baeriswyl.
mb: sie haben sie gefunden.
zkb: oh sehr gut, ist sie da? kann sie ans telefon kommen?
mb: sie ist schon am telefon.
zkb: äh ich meine frau myshelle baeriswyl
mb: genau, ist am apparat
zkb: oh jetzt bin ich grad etwas verwirrt.
mb: ach das machts nichts.
kurze pause
zkb: also gut frau baeriswyl, es geht um folgendes.....



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mann_frau kann sich der trans*thematik (allg. sexuellen minderheiten) auf zwei arten nähern:
mann_frau fragt nach ursachen, prävalenzen, diagnostischen kriterien und therapie. das ist der klassisch stigmatisierende pathologisierende weg und die domäne von medizin und psychiatrie, das exklusionsprinzip. an symposien werden cis-"expert_innen" der genannten disziplinen eingeladen, die entsprechend referieren. es geht um normalisierungsmacht und ihre agent_innen.
oder:
mann_frau fragt nach der genese von zweigeschlechtlichkeit, den ausschlusskriterien cis-heteronormativer kulturen/gesellschaften, thematisiert die vielfalt an geschlechtervarianten menschen, und lädt betroffene als expert_innen in eigener sache ein, die von ihren erfahrungen als "aussätzige" einer genderbinären gesellschaft berichten. das ist der weg der inklusion. des hinterfragens gesellschaftlicher gender-machtverhältnisse.
erklärungsbedürftig sind im letzteren falle nicht mehr sexuelle minderheiten, zur disposition stünde jene selbstgefällige, normierende und ausschliessende cis-heterosexistische mehrheit, die minderheiten erst generiert.
das ist noch zukunftsmusik, aber wir sind nahe am tipping point.
ps. und wenn mich jemand fragt, warum denn gerade trans*menschen die bestehenden binären geschlechterverhältnisse zementieren statt transzendieren, ist meine antwort: auch wir leben in diesen binären verhältnissen und tragen diesen konflikt am eigenen körper und in unseren seelen aus. zu erwarten, dass wir diesen gesellschaftlichen konflikt lösen, verkennt die machtverhältnisse.

 

Joseph Wolfgang Ohlert, Gender as a spectrum


auch nach dem lesen ein tolles buch über gendernonkonforme menschen. mit beeindruckenden bildern und berührenden statements. mögen wir den sozialen leerraum zwischen den konfektionierten geschlechtern mit leben füllen, bezahlen wir dies häufig mit beziehungslosigkeit und einsamkeit. "es ist jedoch schwer, jemanden kennenzulernen, der mich um meiner person willen treffen möchte. weil dies alls so schwer ist, hatte ich bisher auch noch nie eine feste beziehung" (melinda, 25). "männer, die transfrauen reizvoll finden, gibt es wie sand am meer. doch leider haben nur die wenigsten genug mut, dazu zu stehen. transfrauen werden in erster linie sexualisiert. wir sind die schmutzige fantasie, das dreckige geheimnis. mit uns schläft man, aber man stellt uns nicht den eltern als die neue vor" kaey, 36)...
In der trans*community ist (posttransitorische) einsamkeit offenbar ein tabu. auf meinen diesbezüglichen workshop vorschlag erhielt ich von der transtagung ch nie eine antwort...

 


kinder


"Wow hast du ein glück, dass deine kinder zu dir stehen!" Wie oft habe ich diesen satz in den letzten 7 jahren gehört. Ja sicher, das ist mein glück. Aber was habe ich verbrochen, dass ich froh darüber sein muss? Oder anders gesagt: wieso sollte ich davon ausgehen, zwangsläufig von allen verlassen zu werden? Ich hab niemanden umgebracht oder vergewaltigt. Da steckt doch schon eine gehörige portion transphobie bzw. cis-heteronormativität dahinter...



feminismus, trans* und genderbinarität


als nicht streng binäre trans*"frau" habe ich mich seit je feministisch positioniert. ja ich kann mir trans* ohne feministisches bewusstsein gar nicht vorstellen (damit stehe ich allerdings bereits in widerspruch zu weiten kreisen der trans*"community"). das benennen und hinterfragen von geschlechterrollen und geschlechtszuschreibungen, von geschlechtlicher diskriminierung, sexualisierter gewalt, patriarchalen unterdrückungsmechanismen, weiblichkeits- und männlichkeits(de-)konstruktionen... verdanken wir allein feministischen diskursen und weiblichem engagement. ausgesetzt dem ideologischen sperrfeuer zweigeschlechtlicher grabenkämpfe fühle ich mich diesen diskursen aber oft fremd, oder besser gesagt: sie gehen als riss durch meine ganze person - meinen geist, meine seele, meinen körper, meine sexualität, meine beziehungen. doch während sich frauen und männer nach der verbalen schlacht wieder versöhnen und in ihre binären cis-selbstverständlichkeiten weiterleben (und sich weiter lieben und kinder zeugen und familien gründen und häuser bauen und rasen mähen...), muss ich mit diesem riss durch meine person irgendwo im verminten niemandsland zwischen den geschlechtern weiter leben. kein ort, nirgends.



Transphobie männlicher jugendlicher


Es muss nicht besser werden, es würde reichen, wenns mal gut wäre. Zum x-ten mal ziehen männliche halbwüchsige an meinem vorplatz vorbei und skandieren "transe", "scheisstranse". Wo, wenn nicht in meinem zuhause, kann ich mich sicher fühlen? Wo wenn nicht zuhause, kann ich meinen schutzpanzer ablegen? Wo wenn nicht zuhause, könnte ich zur ruhe finden? Und - und das ist das allerübelste - kann ich meine verzweiflung noch benennen - wenn nicht auf fb?



Together


Was für ein wunderbares gefühl von aufgehoben und eingettet sein. Zusammen einkaufen, kochen, essen, wandern, reden, chillen... Und zusammen aufstehen, den tag planen und abends einschlafen. Wie früher. Selbst die sitzordnung bei tisch ist wie einst - der eine platz bleibt halt verwaist. Auch abwesenheiten sind präsent... Und kehren nächtens in den träumen wieder.



Trans*basics 39


Er: wie hast dus geschafft, in so kurzer zeit so weiblich zu wirken?
Ich: umgekehrt, wie habe ich es hingekriegt, mich so lange zu verleugnen?

 

 

herbst


und mich dann wieder einigeln. mich meinem autismus hingeben. keiner menschenseele begegnen. mich den aufforderungen der bläue des himmels und dem gleissenden licht, das kaum geheimnisse gewährt, entziehen. das coca-cola-lächeln des sommers gerinnt zur fratze. diese erdenschwere leichtigkeit hinter mir lassen. nur ja nichts verpassen!? herbst, du mögest kommen. mit deinem zwielicht, den nebelschwaden, deinen längeren schatten - nie ist das leben so bunt wie im herbst, nie meine lebenstage und nächte mehr in balance. wenn es regnete heut nacht, ich zöge mich um tausend jahre zurück.

Herrin: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.
Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gieb ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.
Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.
rainer maria rilke

 

 

herbst II


dämmerung, abend du mögest kommen. zwielicht. lange schatten. das gleissende licht der aufklärung schwindet. nächte der barmherzigkeit. geheimnisse sind geheimnisse. keine beichte, kein geständnis, keine inquisition. in den verborgenen, feuchten, abgelegenen winkeln regt sich wieder leben. die geister und dämonen feiern urstände. wiederverzauberung dieser kalten welt. abgründe sind gründe. heimkehr.

 

 

Naked

Du stehst an der fussgänger_innen ampel, an der bus- oder tramhaltestelle, autos fahren vorbei, und du spürst die männlich taxierenden blicke. Bis auf die knochen. Nackt. Strassenstrich. Und du fragst dich: was gucken die mich an? Was sehen sie? Und du weisst, ein jeder einzeln würde dich am liebsten lutschen und vögeln. Und in der gruppe bringen sie dich um. Frauen wenden einfach die blicke ab. Die verachtung ist dieselbe. Kein ort, nirgends. Für alle ermordeten transfrauen! R.i.p. in another world. Here is none.



This is what i expected too


"So do I miss living with my spouse the way she was before transition? The answer is still no for me. Are there some changes in our lives that I needed to learn how to deal with? Yes. Our hope is that every relationship evolves through the years. It doesn’t matter if your married to a cisgender person or a transgender person. Hopefully we continue to grow into better humans as we journey through our lives together. I unconditionally love and accept my wife for the person that she is." u.a. nigro



Was für ein toller tag


Eine wunderbare zufallsbekanntschaft im morgendlichen zug.
Eine mail von einer verschollen geglaubten.
Ein überraschendes, warmherziges und anteilnehmendes telefon mit einer ehemaligen kurskollegin
Ein paar dicke komplimente via fb und whatsapp
Ein weiter bestehender schöner kontakt von gayparship
Und ein offener und herzlicher chat via tinder
Und alles ganz tolle frauen. I love social media
Was kann frau sich mehr wünschen?



credo


ich erinnere mich. wir waren das kleine grüppchen der gruppe. die gruppe war der erlauchte, private kreis des religionslehrers. wir lasen und diskutierten texte wie den gotteskomplex von horst eberhard richter. kerzen, im hintergrund joni mitchell. sich zugehörig wissen, dabei sein, geliebt werden - sektenähnlich. und doch möchte ich diese zeit nie im leben missen. wenns einen kraftort gibt, aus dem ich bis heute zehre, dann ist es diese gruppe. zum ersten mal als mensch wahr und ernst genommen werden. und: das fragile splittergrüppchen der gruppe. wir. no guru. die in-group, gegenseitige geständnisse, du, ich, seelisch nackt, wein, die zigarette mit zitterndem körper in sich einsaugend. ausatmen wie als protest. here i am. rauchschwaden. näher kannst du dir als fremde nicht kommen. und dieser songtext von andré heller: da ist ein system. unser feindbild als hochpubertierende: das system, der vater. yes father, i want to kill you. die köpfe unserer väter sind gerollt. wir waren nahe an der revolution. nein wir haben sie transzendiert. nach innen gewendet. das kann uns niemand mehr nehmen. thomi, rahel und wie ihr alle geheissen habt.... für euch. erinnert ihr euch?


Das System
Weine wieder, wenn Du weinen willst,
verzichte nicht auf die Verzweiflung,
leiste dir eine Mutlosigkeit,
sabotiere den Helden in dir,
Tauch manchmal in den Rauch der Angst,
ein Abgrund fehlt dir doch nie.
Zum Kotzen ist doch wirklich bloß
die viele falsche Sympathie.
Da ist ein System, ein gewinnbringendes System,
das will dich entmündigt und bequem,
Und mit der Milch der frommen Denkungsart,
da wird bei dir nicht, bei mir nicht,
nirgendwo gespart.
Drum wein ich schon lange, wenn ich weinen will.
Das irritiert sie am meisten
in dieser großen großen Leistungszeit
will ich mir meine Nachdenklichkeit leisten.
Mein Kleid, das ist der Rauch der Angst.
Abgründe sind meine Gründe
Wenn einer heute irgendwo nicht mehr lügt,
das nennt man jetzt die Sünde
Da ist ein System, ein gewinnbringendes System,
das will dich entmündigt und bequem.
Und mit der Milch der frommen Denkungsart,
da wird bei dir nicht, bei mir nicht,
nirgendwo gespart.
andré heller