hidden biography

"wir können unsere träume nur verwirklichen, wenn wir uns entschliessen, daraus aufzuwachen." josephine baker

 

ich erinnere mich...

 

... dass sie unendlich verführerisch dufteten, diese feinen braunen damenlederhandschuhe auf der kommode im flur. der besuch meiner eltern war im wohnzimmer, sie bemerkten mich nicht. ich aber konnte einfach nicht widerstehen, diese objekte meiner frühkindlichen begierde an mich zu nehmen. ich versteckte mich unter dem bett, die lederhandschuhe an mein gesicht gepresst und wollte in ihnen versinken, sie mir überstreifen wie eine zweite haut. nie mehr hergeben wollte ich sie. ich war 6 jahre alt, aber dieses gefühl, diese ahnung liess mich zeitlebens nie mehr los. ich lebte in der falschen haut.

 

ob sich dies wirklich so zugetragen hat, bin ich mir nicht mehr absolut sicher. danach gefragt, konnte sich meine mutter nicht daran erinnern. und je öfter ich diese geschichte erzählt habe, desto unsicherer wurde ich. aber vielleicht ist geschichte ja bloss "die gewissheit, die dort entsteht, wo die unvollkommenheiten der erinnerung auf die unzulänglichkeiten der dokumentation treffen" (julian barnes). und ein dokument existiert in diesem fall keines. sicher scheint mir bloss, dass diese erinnerung nichts mit meiner frühesten erinnerung zu tun haben kann. wie ich auf einer teppichklopfstange hoch kletterte, und weil diese nicht arretiert war, kopfüber auf den harten plattenboden fiel. da war ich etwa 3 bis 4 jahre alt. die beule ist mittlerweile verschwunden. möglicherweise hat es auch sie auch nie gegeben.

 

„haben sie diese frauen geliebt oder wollten sie sein wie sie?“, fragte mich meine therapeutin. was für eine blöde frage, dachte ich, mit meinen 47 jahren werde ich doch wissen, was liebe ist. aber die frage gärte in mir weiter. sie hatte recht: mein seit kindertagen ständiges verliebtsein in mädchen, später frauen galt nicht den mädchen und frauen selbst, ich begehrte sie nicht wie ein mann, vielmehr verkörperte dieses gefühl meine sehnsucht selbst wie eine frau zu sein.

 

über 40 jahre lagen zwischen diesen beiden erlebnissen. und immer begleitete mich diese ahnung, dass etwas nicht stimmt. dass ich nicht wie die anderen bin. irgendwie anders. nicht wirklich dazu zu gehören. weder zu den jungs, da ich mich zu schmächtig fühlte. noch zu den mädchen - ich ist eine andere. ein langer, teils schmerzhafter, schleichender bewusstseins- und erkenntnisprozess. was bin ich? war ich krank? was war los? gings nur mir so? diese ahnung, dieses gefühl, später das wissen des andersseins zog sich wie ein roter faden durch mein ganzes leben.

 

sie hiess gabi und trug einen poncho. ich war 8 jahre alt und zum ersten mal verliebt. aber wie es ihr sagen? so schrieb ich meiner schulkameradin einen brief. sie trug ihn dann zu meiner freude öfters. wirklich befreundet waren wir nie. und ob ich mehr in sie oder in ihre kleidung verliebt war, entzieht sich rückblickend meiner kenntnis. aber die verbindung von weiblicher kleidung und verliebtheit war zum ersten mal da - und sie sollte mich nie mehr loslassen.

 

"mit dir kann man einfach super gut reden", sagte meine schulkollegin zu mir, "wie mit der besten freundin." was ein kompliment sein sollte, kam bei mir anders an. ich wollte doch gar nicht bloss reden... es sollte nicht das letzte mal sein, dass mir frauen dieses kompliment machten. "wie die beste freundin!"

 

sie waren grösser, kräftiger, männlicher und vor allem einfach cooler. und selbstverständlich wurden sie von den mädchen angehimmelt und hatten schon freundinnen. nicht dass ich sein wollte wie sie, wie die coolen jungs an unserer schule, aber im vergleich zu ihnen fühlte ich mich klein, schmächtig, knabenhaft... und vor allem uncool. nein, mit den tollen jungs, mit diesen richtigen kerlen konnte ich nicht mithalten. aber wie die mädchen war ich definitiv auch nicht. was war ich?

 

der geruch in den mädchengarderoben war einfach umwerfend. um mein taschengeld während der gymnasialzeit aufzubessern, putze ich während den sommerferien die turnhallen. besser noch als das geld war jedoch der freie zutritt zu den räumen, die mir ansonsten verschlossen waren. duschten die mädchen nach der turnstunde in abgetrennten abteilen? oder wie wir knaben in einer grossdusche? wie sahen die toiletten aus? alle diese elementaren fragen fanden eine antwort. aber vor allem wusste ich jetzt, dass mädchengarderoben definitiv anders riechen. sinnlicher, feiner, himmlisch irgendwie, auf jeden fall besser - like homeland.

 

micheline, nannte mich meine deutschlehrerin einmal scherzhaft. ich aber zuckte zusammen und hätte mich am liebsten schamvoll unter den tisch verzogen. ich fühlte mich entdeckt. woher wusste sie es? erst jahre später, das gymnasium lag längst hinter mir, realisierte ich das wortspiel. als norddeutsche und des französischen unkundig verband sie mit meinem namen den hersteller des autoreifens. ich aber hatte meine lektion gelernt. ich musste noch vorsichtiger sein. niemand durfte es je erfahren.

 

jahrzehnte später fragte ich meine mutter, ob sie nie bemerkt habe, dass ich hinter ihren kleiderschrank ging. blusen, perücke, unterwäsche, lippenstift, nagellack..... sie verneinte. Ich war offenbar perfekt: die bluse legte ich in den bügelfalten wieder an ihren ort; die unterwäsche hatte nie flecken abbekommen, und beim nagellack bzw. lippenstift achtete ich stets darauf, dass die leicht niedrigeren füllstände nicht auffielen. erst später kaufte ich mir meine eigenen sachen.

 

"die matrosen waren jetzt 93 tage auf see, davon 81 tage unter wasser. eingesperrt in einem atom-u-boot, einem grossen, stählernen, grau gestrichenen sarg. 81 tage unter wasser. keine sonne, keine frische luft, kein wind in den haaren, kein blauer himmel, keine wärme auf der haut, keine weite - nur drangvolle enge in der künstlich erleuchteten welt, die aus gängen, stahltreppen, schatten, kabelgewirr und instrumenten zu bestehen schien. und dann kamen die mädchen an bord..." woche um woche verfolgte ich mit unsäglicher spannung die entwicklung des romans "weiberschiff" von heinz g. konsalik in einer schweizer illustrierten. die frauen waren jung, wunderschön und unglaublich begehrenswert. über wochen heizten sie meine pubertären sexuellen phantasien an. aber irgendwas war verkehrt. ich war keiner dieser sexuell deprivierten matrosen, denen beim anblick dieser frauen der verstand aussetze, mein herz war bei den jungen frauen. ich wollte eine von ihnen sein: jung, schön, begehrt und einfach unbeschreiblich weiblich.

 

ich war irritiert, verwirrt. wir waren mit freunden im bieler gaskessel an einem konzert. da fiel mir eine blondgelockte, etwa gleichaltrige person auf. für eine frau erschien sie mir zu burschikos, für einen mann jedoch sehr feminin. war das ein junge oder ein mädchen, eine frau oder ein mann? bis heute weiss ich die antwort nicht, denn um sie oder ihn anzusprechen war ich zu schüchtern. und was sollte ich fragen? aber die irritation über diese androgyne erscheinung war nachhaltig und brachte in mir eine saite zum schwingen, die nie mehr aufhörte. so fühlte ich mich doch auch: als ein mädchen im körper eines jungen. ich war nicht allein. es gab noch andere...

 

„du paps, was ist hinter dieser türe?“, fragte mich mein 5jähriger sohn. dass auf dem ausgebauten estrich eine kleiner raum zwischen treppe und dach abgeschlossen war, erregte sein kindliche neugier. „ach da ist nichts“, erwiderte ich, „da ist nur abgeschlossen, damit ihr euch nicht darin verstecken und ersticken könnt“. die antwort schien ihn nicht ganz zu befriedigen. aber hätte ich ihm sagen sollen, dass sich darin mehrere schachteln voller damenschuhe, damenunterwäsche, schminksachen und frauenkleider befanden?

 

es war ein riesiges gefühl der erleichterung. einmal mehr hatte ich alle meine frauensachen fortgeworfen. schuhe, kleidung, strümpfe, schminkzeug - alles. die schachteln waren leer. ich hatte es geschafft, mich dieses dranges zu entledigen. ab jetzt war ich normal. nie mehr würde ich dieses bedürfnis haben, mich in frauensachen zu hüllen. ich war geheilt... ein paar wochen später kaufte ich mir einen wunderschönen bh mit passenden höschen.

 

"identität ist eine fiktion". an adornos begriff der "identität des nicht-identischen" geschult, war meine position in diskussionen im intellektuellen freundeskreis zu fragen des selbstbewusstseins und der identität immer klar. der emotionale hintergrund meines unverrückbaren standpunkts, nicht mit sich identisch sein zu können, blieb ihnen allerdings verborgen. bis heute ist mir identität suspekt. woher soll das ich wissen, wer "es" (!) ist? wie kann das ich aussagen über sich machen? nicht identisch zu sein, weder als mann noch als frau, war und ist mir unendlich sympathischer.

 

er war schwul. jahre zuvor hatte ich ihn bei seinem coming out unterstützt. er sollte es als erster erfahren. wo, wenn nicht bei ihm, konnte ich auf verständnis stossen? „du siehst aus wie eine abgetakelte servierdüse“, kommentierte er mein aussehen. „als mann gefällst du mir viel besser“ - das nächste mal, sollte es eines geben, werde ich vorsichtiger sein.

 

ihr selbstmord ging mir nahe. warum nur hatte sie das getan? sie hatte es doch geschafft? sie lebte endlich als frau. sie war doch am ende ihrer träume? als ich coco im dokumentarfilm von paul riniker sah, ihre qual miterlebte, aber auch ihre hoffnungen, fühlte ich mich ihr unendlich nahe. ihr leiden war mein leiden, so ergings mir doch auch. war ich auch transsexuell? zum ersten mal hatte ich einen vagen begriff davon, was ich sein könnte. musste ich diesen weg auch gehen?

 

alle sollten es sehen, aber niemand mich erkennen. ich fuhr, dick eingepackt wegen der herbstlichen kälte, mit meinem motorrad los. es war stockdunkel, gegen mitternacht. aber wohin fahren? heute sollte es sein. ich hatte mir genügend mut angetrunken. heute wollte ich mich das erste mal als frau draussen zeigen. aber wo? es musste ein abgelegener park sein, aber es sollten sich doch noch ein paar menschen darin befinden. die sportanlage sihlhölzli schien mir passend. eingezwängt zwischen sihl und hochstrasse, abgelegen genug, aber doch nächtens frequentiert von wenigen menschen. ich fuhr ein paar mal um die anlage. die luft schien rein. ich parkte mein motorrad und zog meine überkleidung aus. mein körper vibrierte vor aufregung. die lust gesehen zu werden kämpfte mit der angst entdeckt zu werden. nur ein paar schritte, nicht zu nahe ans licht der laterne, bis zur nächsten bank. weiter vorne war eine besetzt. ich hörte leise stimmen... zurück auf dem motorrad umfing mich erleichterung und grenzenlose euphorie. ich war erstmals draussen gewesen, als frau – mein erstes coming out.

 

es war der ausbruch aus der selbstisolation. 1'400'000 ergebnisse spuckte mir die suchmaschine aus. keyword transsexualität. was ich bis jetzt geahnt hatte, wurde zur gewissheit. auch ich war trans*! ob nur transvestit oder wirklich transsexuell, war mir vorerst gar nicht so wichtig. wichtig war bloss, dass ich endlich offizielle informationsquellen anzapfen konnte und auf internet-plattformen stiess, wo ich gleich gesinnte, gleich veranlagte treffen konnte. nur virtuell zwar, aber das genügte mir vorerst.

 

mein hunger nach information, nach austausch war unersättlich. endlich fand mein geheimes leben einen ort, wo es leben konnte. eine virtuelle nische, die mir zur sprache verhalf und einen erkenntnisprozess in gang setzte, der nicht mehr aufzuhalten war. für mich war das internet nie virtuell. im gegenteil. online wuchsen ideen, die sich offline fortpflanzten. das internet war mein zweites coming out. hier konnte ich spielerisch identitäten ausprobieren, die mir später auf meinem entscheidungsweg halfen. ohne internet gäbs myshelle wohl nicht. und so erging es vielen, wie ich später erfuhr.

 

das internet wurde zu meiner täglichen spielwiese, zu meiner probebühne. was offline (noch) nicht möglich war, wurde online zur realität. und ich probierte alles aus. eine neue e-mail-adresse, ein passwort, der passende nickname, ein knackiges profil, ein paar bilder aus dem netz und fertig war die virtuelle identität. mit ihr liess sich alles durchspielen, was meine phantasie hergab oder ich im chat von anderen erfuhr. mir tat sich eine neue welt auf. eine welt, von der ich zuvor nichts wusste. möglichkeiten, die ich nicht im traum erahnte. nichts war unmöglich. mein reales leben verlagerte sich schleichend in die virtuelle welt.

 

offline verkümmerte mein leben zusehends. in gedanken war ich nonstop online. die zeit, die ich in chatrooms verbrachte, wurde immer grösser. nach dem abendessen verschwand ich vor den pc. ich tauchte ab in meine profile, das leben konnte beginnen. oft bis in die frühen morgenstunden lebte ich als frau in der virtuellen welt. die zunächst fiktiven profile füllte ich mit der zeit mit realen inhalten. aus spiel wurde ernst. im internet begann myshelle zu leben. auf den bildern war bald ich selbst zu sehen. als frau gestylt. aus virtuellem schein wurde virtuelles sein. und diese virtuelle existenz rief immer mehr danach, real zu werden.

 

ich kannte sie schon länger aus chatrooms. ihre bilder waren ansprechend. sie schien mir seriös. warum sich nicht real treffen? sie hatte eine eigene kleine wohnung ganz in der nähe. da lebte sie zumeist am freitag ihr frausein aus. für mich ideal. zur not konnte ich mich auch bei ihr stylen. wir redeten über unser frausein. was es uns bedeutete. wie unsere ehefrauen damit umgingen. mit ihr und einer anderen kollegin ging ich erstmals als frau in den ausgang. transenstamm am freitag abend in einem restaurant. selbstverständlich per auto. den parkplatz möglichst nah am zielort. selbst die paar hundert meter zu fuss waren eine abenteuerliche expedition. meine endorphine spielten verrückt. es war wie ein rausch. myshelle war endlich real. bloss in der freizeit zwar, aber immerhin. ich auf den geschmack gekommen. alles rief nach wiederholung.

 

wie so vieles in meinem leben war auch mein lady day nicht geplant. wenn ich mich freitags für die kurze sitzung bei meiner psychotherapeutin stylte, warum dann nicht für den ganzen tag? so begann ich mir langsam für meinen freien tag, meinen lady day, ein damenprogramm zusammen zu stellen. besuch einer transfreundin. ein date mit einem bekannten. gemeinsamer besuch anderer transfrauen. gemeinsames shoppen. kaffee trinken. spaziergänge, kino, disco, party..... dass ich damit schleichend den berüchtigten alltagstest in mein leben integriert hatte, wurde mir erst später bewusst.

 

ich stand am strassenrand und weinte. ich war definitiv im falschen film. vor mir zog der bunte zug der euro pride 09 am mythenquai vorbei - lesben, gays, queers und transmenschen aus ganz europa - und ich war bloss zuschauerin. das nächste mal bin ich dabei, schwor ich mir, da gehöre ich dazu. und so war es. der csd 2011 fand mit mir statt - und meine tochter begleitete mich. auch ans fest auf dem turbinenplatz. "jetzt lerne ich die menschen kennen, von denen du gesprochen hast", sagte sie mir. wow, was für ein toller mensch - mit ihren erst 15 jahren. da können sich bezüglich ihrer offenheit eine menge leute eine scheibe davon abschneiden - nicht zuletzt selbsternannte gender-fachfrauen.

 

„sie leben entweder als frau oder als mann, aber nicht sowohl–als auch“, beschied mir meine therapeutin. dabei hatte ich doch das gefühl beides zu leben. unter der woche als mann, von freitag bis samstag als frau. aber die kluft zwischen beiden welten wurde immer grösser. die spannung immer unerträglicher. ich konnte die beiden leben nicht mehr miteinander vereinbaren. vor allem die rückverwandlung ins männerleben riss mich immer mehr in depressionen. lange konnte ich diesem druck nicht mehr standhalten, wollte ich gesund bleiben.