in transition

 

sie kamen per post, in einem unscheinbaren paket aus griechenland. den beipackzettel konnte ich kaum entziffern, aber was ich wissen wollte, verstand ich. ich war aufgeregt wie ein kleines kind vor weihnachten. sollte meine körperliche transition endlich beginnen? aber nichts geschah – zumindest körperlich wirkten die hormone vorerst nicht. die erwartete schlagartige veränderung blieb aus. aber andernorts begann sich etwas zu regen. in einem mystischen verschmelzungserlebnis vereinten sich in mir mann und frau. was getrennt war, fand plötzlich zusammen. wenn michel weiter leben wollte, dann nur als myshelle. nicht mann oder frau, nicht entweder-oder, sondern beides, sowohl mann als auch frau. mann und frau mussten zu myshelle verschmelzen. myshelle war geboren.

 

"willst du nicht mit zu meiner ärztin kommen? dann weisst du aus erster hand, was die hormone bewirken können." zu meiner freudigen überrraschung begleitete mich meine frau dann doch zu diesem von mir sehnsüchtig erwarteten arztbesuch. "könntest du bitte den raum verlassen?", bat sie mich gegen ende des informationsgespräches, "ich muss kurz was besprechen." ich war etwas überrascht, dachte an ein intimes gespräch von frau zu frau, und verliess ihrem wunsch entsprechend das zimmer. wochen später, nach einer weiteren harten verbalen auseinandersetzung, schleuderte sie mir den inhalt des gespräches an den kopf: "ich habe deiner ärztin gesagt, dass ich bereits eine neue beziehung habe". nach 27 gemeinsamen jahren trennten sich unsere wege. noch bevor ich mit meiner hormonellen transition und dem coming out begann, hatte sie im internet einen nachfolger gefunden. für eine genderfachfrau, die jahre zuvor noch männerfeindliche parolen mitskandierte und sich in eine frau verliebte, eine eigenartige bilanz.

 

die verweiblichung liess auf sich warten. brüste waren nicht im ansatz zu erkennen, die stimme blieb unverändert auf männlichem niveau, die morgendlichen bartstoppeln waren eine tägliche schmach. aber der druck war plötzlich weg. meinen täglichen orgasmus gib mir heute. was jahrzehntelang eine tägliche standardprozedur war, rückte in den hintergrund. wurde ich zuvor ohne meinen täglich orgasmus unruhig, herrschte jetzt gelassenheit. es gab wichtigeres als sex. unglaublich. androcur leistete ganze arbeit.

 

meine libido lag komplett am boden. diese befreiung wurde mir allmählich unheimlich. "warum haben sie mir so hohe dosen androcur verschrieben?", fragte ich meine ärztin, "sie wissen doch, dass ich verheiratet bin und das auch zu bleiben gedenke." sie sei halt nach der klassischen hormontherapie vorgegangen, beschied sie mir. ich hatte eine weitere lektion gelernt. auch auf medizinisch-endokrinologischer seite war kaum aktuelles know-how vorhanden. wir waren für die medizin ökonomisch viel zu unwichtig. wenn ich auf meinem weg bleiben wollte, musste ich mir auch dieses wissen selbst aneignen. es gab nicht DEN weg, auch diesen musste ich mir selbst erarbeiten. mein körper wurde zum experimentierfeld, die dreimonatliche blutkontrolle zu marksteinen, ob ich richtig lag. meine blutwerte gib mir heute!

 

sie war total verzweifelt. nur deshalb rief sie mich wohl überhaupt noch an. ihr vater habe ihr gestanden, dass er seit kindheitstagen ein transvestit sei. dieser mann mit seiner schiffahrtskapitänsattitüde, vollbart, herrisch, architekt ohne was gebaut zu haben, aber seine frau und kinder unterjochte und ersterer im streit in den fuss schoss - dieses vermeintlich gestandene mannsbild ein transvestit? ich war ebenso überrascht wie sie. innerlich aber auch erfreut. im zuge meines coming outs als transfrau outet er sich mit bald 80 jahren als heimlicher crossdresser. sollte sich das blatt doch noch zu meinen gunsten wenden? einmal mehr irrte ich. als ich ihn ein paar tage später anrief, um ihm für seinen mut zu gratulieren, beschimpfte er mich, eine familie zu zerstören. nicht wie er - der seinen drang kontrollieren und heimlich ausleben konnte. jetzt wusste ich wenigstens, woher der hass mir gegenüber kam. transphobie hat viele gesichter - eins davon ist die angst, selbst trans* zu sein.

 

"willst du nicht mehr wissen über transsexualität?", fragte ich den präsidenten meiner vorgesetzten behörde. ich hatte ihn um ein gespräch gebeten, um ihn von meinen absichten zu informieren. nach knapp einer halben stunde war das gespräch beendet. "deine transsexualität ist deine privatsache", war sein fazit, "wenn es probleme geben sollte, sollen die leute sich an mich wenden." meine privatsache? ich war überrascht über die lockerheit, mit der er mein coming out aufnahm. zwei monate später wurde ich an der kommissionssitzung traktandiert: die stellenleitung in der öffentlichkeit. die hexenjagd hatte begonnen. an deren ende wurde ich nicht verbrannt, bloss von meinem arbeitsplatz verbannt. wir leben schliesslich in einer zivilisierten gesellschaft.

 

als mann habe ich dreimal geweint, als frau dreimal täglich. der einfluss der hormone auf meine psyche war gewaltig. aus dem unnahbaren, oft arroganten mann wurde eine verletzliche, körperliche nähe suchende frau. der energieschub durch die testosterone versiegte, meine psychischen schutzschilder hatte ich komplett verloren. ich war seelisch nackt. nächtens plagten mich alpträume und schweissausbrüche, jeder tag wurde zu einem psychischen überlebenskampf. und herausforderungen hatte ich privat und am arbeitsplatz genug. statt mich auf meine transition zu konzentrieren, war ich in einen mehrfrontenkrieg verstrickt, der mich fast täglich an den rand meiner kräfte führte. "woher nimmst du deine kraft?", fragten mich freund_innen. ich wusste es nicht, aber sie war immer wieder da. weil ich auf meinem weg war?

 

"ich würde gerne mit dir reden". aber ich prallte an eine mauer des schweigens. freundeskreis und verwandtschaft meiner ehemaligen frau liessen mich unisono auflaufen. "ich bin nicht da!", hörte ich ihre schwester am telefon ihrer tochter ausrichten. "wir sind ein team, und ich auf ihrer seite", beschied mir ihrer schwuler arbeitskollege. "nein ich brauche deine telefonnummer nicht", sagte mir die freundin meines ex-schwiegervaters - monate zuvor war ich noch ihr lieblingsschwiegersohn und der einzige ansprechpartner, als sie es kaum noch mit diesem patriarchalen despoten aushielt und ihn zum teufel schicken wollte. keine mail, kein brief, kein telefon - die front der ablehnung war lückenlos orchestriert. ich war weder mörderin, noch vergewaltiger, noch kinderschänder - nur eine transfrau - aber um den hass dieser menschen auf mich zu ziehen, reichte das.

 

"man siehts ihnen halt an", beschied mir der leitende arzt und psychiater, bei dem ich anlässlich eines bewerbungsgespräches vorstellig wurde. "nun ja, es gibt ja auch kräftig gebaute frauen". bekannt für meine schlagfertigkeit, blieb selbst mir die spucke weg. statt auf einen offenen, transfreundlichen menschen zu stossen - wie es bei einem mitunterzeichner der altdorfer empfehlungen zu erwarten gewesen wäre - stiess ich auf einen transphoben mediziner. als er mich mit "auf wiedersehen, herr baeriswyl.... entschuldigung, frau baeriswyl", verabschiedete, traf mich diese anrede bis ins mark. würde ich jemals als frau angesehen werden, oder befand ich mich komplett auf dem holzweg?

 

wir seien doch einfach lächerlich, sagte mir eine befreundete transfrau, und frau zu sein eine totale illusion. wie so oft befielen sie existientielle selbstzweifel. zweifel, die ich nur zu gut selbst kenne. ein falsches wort zur falschen zeit, und die brüchigkeit meiner ganzen existenz wird mir bewusst. aber sie liegt falsch. wenn schon frauen mit ihrer weiblicheit hadern, wie sollten wir dann unserer weiblichkeit gewiss sein? aber was heisst weiblichkeit? was männlichkeit? es kann nicht unsere aufgabe sein, diesen schimären nachzuleben oder gar sie zu bekräftigen. wir sind trans*, wir leben dazwischen. dazu bestimmt, den sozialen leerraum zwischen diesen beiden polen mit leben zu füllen.

 

"ist doch logisch, hat sie sich einen neuen mann gesucht." wie oft habe ich diesen satz in meinem umfeld in den letzten monaten hören müssen... logisch? was ist daran logisch, dass meine ehemalige frau, noch bevor (!) ich meine transition begonnen habe, sich im internet bereits einen neuen partner gesucht hat? logisch ist das nur in der heteronormativen matrix. und wie transphob diese ist, erfahren wir transmenschen täglich. wovor fürchtet ihr euch? euren eigenen unterdrückten sehnsüchten?

 

"du kannst doch nicht einfach über nacht weg bleiben!" ich war wütend, empört, verletzt und es schien mir den boden unter den füssen weg zu ziehen. "und wieso sagst du nichts?" schrie ich meinen vater an. "wehr dich doch! wieso akzeptierst du das einfach?" im hintergrund stand meine ehemalige frau. "ihr seid doch alle beide die gleichen miesen nutten", beschimpfte ich die beiden frauen... als ich meiner therapeutin diesen mehrfach geträumten traum erzählte, bemerkte sie: "aha, ihre frau ist also ihre mutter." mein gott, wie banal kann psychologie sein - und wie subtil träume.

 

es war gespenstisch und freitag, der 13. april. ein kurzes hallo. warten ohne sichtkontakt im wartezimmer. wechselseitiges unterzeichnen des vertrages unter den augen des notars. nach 10 minuten verabschiedete ich mich und ging auf die strassenbahn. sie stieg kurz danach im vorderen wagen zu und ein paar haltestellen später wieder aus. ich schaute ihr nach. nach 27 gemeinsamen jahren trennten sich unsere wege - auch offiziell. wortlos. blicklos. für immer.

 

"im team gäbs wohl kaum probleme, aber den kontakt nach aussen, zu kunden, kann ich mir nicht vorstellen". wie oft habe ich mir in den letzten monaten diesen satz in bewerbungsgesprächen anhören müssen. transmenschen sind offenbar - solange man es ihnen ansieht - nicht vorzeigbar. aber was ist das für eine logik? wenn wir nicht mehr auffallen - als transmenschen geichsam unsichtbar werden - sinkt das risiko von problemen am arbeitsplatz. aber genau das ist das problem: die nicht-akzeptanz von differenz. analog: hätte ein scharzer weisse haut, sinkt das problem rassistischer übergriffe. sollen wir diese ästhetik des verschwindens internalisieren? oder haben wir sie mit dem begriff des "gelungenen passings" nicht schon verinnerlicht?

 

in der badewanne erreichte mich ein anruf meines ehemaligen arbeitgebers. ich müsse mich ans "wording" der auflösungsvereinbarung halten und gewisse texte von meiner homepage nehmen. kein wort davon, dass ich - noch keine 2 wochen frei gestellt aber noch während meiner offiziellen anstellungszeit - von der stellenhomepage entfernt wurde. dass mein vorwort zum jahresbericht gestrichen und ich im ganzen bericht mit keinem wort erwähnt wurde. dass der präsident im geleitwort weiter seine lügen verbreiten und sich als "kapitän in schwierigen zeiten" darstellen darf... aber meine homepage, in denen ich transmenschen mut mache, für sich einzustehen, wird zensuriert - im namen des wordings! sprachregelungen waren schon immer die sprachregelungen der mächtigen. an pfingsten wurde der csd in russland niedergeknüppelt - bei uns gehts subtiler zu. unser kampf geht weiter!

 

er sei irritiert über mein frausein, beschied mir im oben erwähnten telefon der überbringer der zensurbotschaft meiner ehemaligen vorgesetzen behörde. eineinhalb jahre wurde ich von diesen kommissionsmitgliedern diffamiert, diskreditiert, diskriminiert, öffentlich verleumdet, gemobbt und am schluss gefeuert. kein einziges mal wurde das gespräch mit mir übers transsein gesucht. mein ordner mit wichtigen grundlagentexten und basisiformationen nie angeschaut... totales desinteresse und ignoranz. hauptsache die transe verschwindet so rasch als möglich aus unseren augen und aus unserem sinn... und jetzt plötzlich irritation? irritierend...

 

"wo ist hier die nächste poststelle?", fragte mich der junge mann an der tramstation. nachdem ich ihm den weg erklärt hatte, sagte er plötzlich: "du bisch mega sexy!" ich fragte ihn, ob er sich lustig mache. "nein, ehrlich, du bist mega sexy. ich wollte schon immer mal mit so einer wie dir." "was meinst du mit 'so einer wie dir' und was willst du?", fragte ich zurück. "na ja sex mit einer transe. willst du auch mit mir?" ich trug übrigens ein graues longshirt, blue-jeans und braune pumps. nichts auffälliges, weder mini noch high-heels - aber trans* zu sein genügt offenbar für viele männer, um als sexualobjekt wahrgenommen zu werden. ach ja, ich verneinte seine frage lachend - er blieb freundlich.

 

"transe! transe! transe!" _ einmal mehr wurde ich zielsicher von einer gruppe männlicher jugendlicher aufs korn genommen. wie meist reagiere ich darauf nicht mehr. sinnlos. verletzen tuts noch immer und frage mich jedes mal, was haben die jungs davon? wieso brauchen sie das? was ist ihr gewinn? spass? gemeinschaftsgefühl? abwehr? selbstsicherheit? auf jeden fall fordert sie meine präsenz zu einer reaktion heraus. die einen indem sie mich sexuell anmachen, die anderen indem sie mich anpöbeln. beides braucht meinerseits viel energie und verunsichert mich in meinem labilen selbstverständnis. wieso könnt ihr mich nicht einfach in ruhe leben lassen?

 

"ich will mein altes leben zurück." nicht dass dieser gedanke mich wirklich bedrängte. denn worin dieses bestehen sollte, wie ich wieder als mann leben sollte, ist mir unvorstellbar. und wenn er mich wirklich bedrängen sollte, wäre das wohl eher ein grund, um schluss zu machen. es führt kein weg zurück. aber dieses gefühl der normalität, des fraglosen sich eingebttet fühlens in den alltag, ja des glücks in den täglichen routinen - dieses gefühl ist mir komplett abhanden gekommen. jeder tag ist eine herausforderung - glücksmomente selten. zu unsicher noch sind sowohl die berufliche perspektive wie die beziehungsbasis. ein leben der fragilität.

 

ich wurde nicht ans fest eingeladen. nicht dass es mich überrascht hat. dafür ist die liste der nicht-mehr-einladungen schon viel zu lang. aber als götti zuvor begehrt und nach 20 jahren nicht mehr existent zu sein, nachdem ich in der zeit, als ich gebraucht wurde - und ich wurde viel als hütedienst gebraucht - stets da war, das tut schon weh. einmal mehr zeigt sich, wie viel falschheit in unseren vermeintlich sicheren sozialen beziehungen steckt. jetzt, wo ich jemanden gebraucht hätte, wird der kontakt verweigert. weg mit der transe! ja a. w., vom erwachsen sein bist du trotz deiner 20 jahre noch weit entfernt. dass mit der schönen oberfläche eines models auf lange sicht kein blumentopf zu gewinnen ist, wirst du noch merken. aber dann werde ich nicht mehr für dich da sein.

 

alle toiletten im alternativen kulturzentrum waren besetzt. sowohl bei den männern wie bei den frauen bildeten sich längere schlangen mit konzertbesucherinnen. da die frauen, die beim männerklo anstanden, wohl kaum das pissoir benutzen würden, erlaubte ich mir diese zu überholen. als sie mich etwas verwundert anschauten, sagte ich: "multifunktional muss frau heutzutage sein". "oh wir beneiden dich", erwiderten sie und wir lachten. trans*sein kann auch vorteile haben - und manchmal befreiend lustig sein.

 

"was, du lässt dir die implantate über den brustmuskel implantieren? das ist doch völlig unnatürlich." gespräche mit anderen transfrauen können manchmal mühsam sein. halb- und viertelwissen, besser wissen und gerüchte beherrschen die szene. und in der regel ist der eigene weg eh das mass aller dinge. "ach weisst du, bei mir war es so...", thema erledigt. "du solltest dich besser informieren", beschied ich meiner geprächspartnerin verärgert, "oder kennst du eine frau mit brustdrüsen unter dem muskel?" ich war wohl etwas schroff - zwei tage später hatte ich auf facebook eine freundin weniger.

 

kurz vor dem termin beschlichen mich leise zweifel. sollte ich es wirklich tun? was, wenn mich die dinger stören? wenn sie nicht in mein körperbild passen? sicher, diese operation wäre notfalls reversibel. aber dennoch... meine befürchtungen erwiesen sich als unbegründet. weder erfassten mich grenzenlose euphorie noch postoperativer katzenjammer. sie waren einfach plötzlich da, als wären sie schon immer da gewesen. je 360 gramm silikon, mit prothesenschein als produktegarantie. welche andere frau hat schon diese sicherheit? ach übrigens: schmerzen hatte ich keine... aber dafür gibts keine garantie.

 

hormone, operationen, gutachten, nebenwirkungen, diskriminierungen, coming out... so wichtig stammtische sind, die gespräche können manchmal ganz schön ermüdend sein - und vor allem unglaublich monothematisch. aber trans*sein ist weder abendfüllend noch lebenssinn stiftend. zumindest das teilen wir mit heteros. oder deutet mein abnehmendes interesse auf das sich nähernde ende meiner transition? so weiblich wie möglich, ohne die männliche (an-)teile zu verleugnen. der blick in den spiegel jedenfalls macht mich täglich ein bisschen glücklicher. thats me: myshelle.

 

am hauptbahnhof zürich. zwei jungs im alter von etwa 18 gehen an mir vorbei. "wäck eine transe", höre ich den einen sagen. fast reflexartig drehe ich mich um und gehe ihnen nach. sie bemerken, dass ich ihnen folge und bleiben stehen. "hey du bist ein riesenarschloch", sage ich dem einen und schmiere ihm mitten in der bahnhofhalle eins ins gesicht. sie waren so perplex, dass sie nicht mal reagieren konnten. ich lief unbehelligt davon, ein lächeln im gesicht. diesmal musste es sein... nein, es waren keine jugos oder türken, ganz normale schweizer..... zwei tage später an der tramhaltestelle. eine ältere, etwas korpulente dame schaut mich inspizierend an. im tram sagt sie zu mir: wunderbares outfit, sie sehen toll aus. ich bedanke mich für das kompliment... egal ob lob, anmache oder beschimpfung - meine pure gegenwart reizt offenbar zu stellungnahmen. in transition - ich bin immer noch unterwegs.

 

er stehe nur auf männer oder frauen. mit dem dazwischen könne er nichts anfangen (mann, bi, 36). sie stehe halt nur auf richtige frauen (frau, lesbisch, 48). er könne mein coming out und meine transition nicht verstehen, als mann habe ich ihm besser gefallen (mann, schwul, 55). oh mein gott du bist trans? nein sorry, damit kann ich gar nichts anfangen (frau, bi, 34)... dies ein paar beispiele aus "meiner" community, auch lgb genannt (das t können wir durchaus weglassen, was ja auch meist passiert).... sie sei sehr offen, beschied mir die zweifache mutter auf der internetkontaktseite. ob ich es auch sei? das geschlecht sei mir egal, schrieb ich zurück, der mensch zählt. das sei toll, antwortete sie, sie wolle nämlich gerne mal von einer frau vernascht werden. da müsse sie wohl wohl weiter suchen, schrieb ich zurück, ich sei trans*. die antwort steht bis heute aus. kurz darauf war sie offline..... ob bi, heti, gay oder lesbisch - in einem unterscheiden sie sich nicht: in ihrer bipolaren geschlechterordnung. und in dieser ordnung haben wir transmenschen in der regel keinen platz...

 

ein toller film: harvey milk. zweifellos. beim monumentalen trauermarsch am schluss kommen mir regelmässig die tränen... aber hand aufs herz: wieviele transmenschen und lesbische frauen kommen im film vor? eine einzige lesbische frau, von der wir nichts erfahren, die aber zu einer tragenden figur wird. und ein paar dragqueens als bunte verzierungen bei den demonstrationen. zu wort kommt keine. die verleugnung des t in der lgbt-community hat offenbar tradition - und dauert bis heute an, wie die rede von frau bundesrätin sommaruga an der zürich pride 12 belegt: wir transmenschen wurden mit keinem wort erwähnt.

 

lockerer chat auf badoo. heinz, 50, aus dem fricktal scheint locker drauf zu sein. selbst nach 10 minuten noch keine frage nach zugang zu meinem foto-privatbereich. lockeres flachsen über harley und bmw. auf meine frage, ob er mein profil genau gelesen habe, bejaht er. später gemeinsames lachen wegen seines trans-portunternehmens und meines transseins. er hats offenbar tatsächlich geschnallt. irgendwann gehts um die vornamen. dieser name sei wichtig für mich, schliesslich hätte ich 5 jahre dafür gearbeitet. "wieso dänn 5 jahr gschaffed?" fragt er. weil namenswechsel in der schweiz lange brauchen, antwortete ich. "und wieso ein namenswechsel?", fragt er, "bisch ghürote gsy?" "vorname, heinz, vorname!!!!!" "hej häsch mis profil würkli gläse?", frage ich. "ups, da hani glaub öppis verpasst, sorry", seine antwort. "ich hoffe du bist mir nicht allzu bös". worüber, frag ich ihn. "hey bisch mal en maa gsy?" das sei eine doofe frage, beschied ich ihm, mega doof". "sorry wollte dich nicht verletzen. aber weisch, au wenn du trans bisch, gsehsch glich hübsch us."

 

"du bist sehr hart", teilte mir ein alter freund mit, als ihm sagte, dass ich anderen schon die freundschaft aufgekündigt habe, nachdem sie mich noch immer als Er bezeichnet haben. bin ich wirklich hart? ist es so schwer, nach drei jahren transition meinerseits sich endlich konsequent weiblicher anrede und pronomen zu bedienen? worin liegt die schwierigkeit? fehlender respekt? nachlässigkeit? unbedachtsamkeit? faulheit? ignoranz? dummheit? "du hättest halt einen komplett neuen namen nehmen sollen, so machst du es uns schwer." nein liebe "freunde". es liegt nicht an mir, sondern an eurem mangel an empathie und akzeptanz. in zukunft wird jeder "freund" radikal deleated, der mich männlich anspricht. ich brauche in zukunft keine solchen "freunde" mehr.