my's coming out

"transpersonen werden auf dem schweizer arbeitsmarkt diskriminiert. (...) 20 prozent sind arbeitslos. damit ist ihre arbeitslosenquote sechsmal höher als diejenige der gesamtbevölkerung. (...) die befragung ergab, dass kündigungen vor allem während des coming-outs und der transition erfolgen." karen schärer, aargauer zeitung, 16. juli 2012




my's coming out



ich wurde geboren am vierten september 2010 – an einem samstag, vierzehn tage nach meinem 49. geburtstag. an diesem tag begann meine transition, mein neues leben. und nichts sollte mehr bleiben, wie es war. gar nichts.

 


„unter alltag versteht man routinemässige abläufe im tages- und wochenzyklus. der alltag ist durch sich wiederholende muster von arbeit und arbeitswegen, konsum (einkauf und essen), freizeit, körperpflege, sozialer sowie kultureller betätigung, arztbesuche und schlaf usw. geprägt. der alltag wird unter anderem als gegensatz zum feiertag oder festtag bzw. zum urlaub gesehen. im alltagsgespräch kommt der ungeplante, lockere kontakt im nachbarn- und freundeskreis zum ausdruck.“

 


an diesem vierten september nahm ich meine ersten ärztlich verschriebenen weiblichen hormone. ein paar tage zuvor fand meine frau eine neue beziehung im internet. drei wochen später bezog ich ein kleines ein-zimmer-studio in zürich. ein jahr später brachen wir den kontakt nach 27 gemeinsamen lebensjahren komplett ab. sohn und tochter leben weiterhin bei ihrer mutter.



„coming-out (vom englischen „coming out of the closet“, wörtlich: „aus dem kleider-schrank herauskommen“) bezeichnet den individuellen prozess, sich seiner von der heteronormativität abweichenden geschlechtlichen identität, geschlechterrolle oder sexuellen orientierung bewusst zu werden („inting“), diese zu akzeptieren und dem sozialen umfeld bzw. der öffentlichkeit mitzuteilen („outing“).“ das coming out ist der eintritt in den alltag.“



anfang januar 2011 informierte ich meinen vorgesetzten über meine transidentität. im juni fand die schlichtungsverhandlung am zürcher bezirksgericht statt. zehn monate später war ich meinen job als psychologin los. trotz bester qualifikationen bin ich noch immer auf stellensuche. „ich würde sie schon einstellen, aber mit unseren kunden gäbe es vermutlich probleme.“

 


„es ist in unserer kultur eine bis in die feinsten nerven und kapillaren des alltags dringende normative vorstellung, dass es bloss zwei geschlechter gibt; die geschlechtsidentität biologisch festgelegt ist; jeder mensch eindeutig einem der beiden geschlechter zugeordnet werden kann und muss; und die geschlechtsidentität ein leben lang stabil bleibt. diese normen werden von uns transgendern radikal in frage gestellt, gleichsam trans-zendiert. wenn wir uns outen, stellen wir die gender-stereotypen unserer angehörigen, freunde und bekannten, ja unserer ganzen umwelt radikal in frage. das fremde bricht in den alltag ein.“

 


alltagssituationen I
am bahnhof. „he schaut, eine transe!“, rief ein 16jähriger seiner versammelten clique zu. allgemeines gelächter, kommentare und obszöne gesten folgten. ich ging weiter. in solchen situationen, das hatte ich mittlerweile gelernt, war reagieren sinnlos. manchmal riskant.



„auszug aus dem protokoll der 90. betriebskommissionssitzung
datum: mittwoch, 23. märz 2011; ort: fachstelle für alkoholprobleme; zeit: 17.00 – 18.30 uhr
traktandum personelles. 3. stellenleitung in der öffentlichkeit

hr berichtet, er sei nach dem jahresessen von einem politiker auf die erscheinung von mb angesprochen worden („was ist das für ein komischer vogel?“) und habe zudem einen anruf von einem politiker erhalten, der mb auf der strasse gesehen habe: das auftreten der stellenleitung sei untragbar. hr betont, als privatperson sei ihm der wandel von mb vom mann zur frau egal, als präsident sei er aber den geldgebern verpflichtet. auch sk und ih berichten von negativen reaktionen von leuten, mit denen sie über die transsexualität der stellenleitung gesprochen haben, und bitten, diese reaktionen ernst zu nehmen.“

mein coming out als transfrau war der beginn einer neuen zeitrechnung, eines neuen lebens. wo alltag war, lag jetzt neuland. strukturen lösten sich auf, beziehungen mussten neu definiert werden: die einen gingen, neue menschen traten in mein leben. eingebettet zuvor in die fraglosigkeit des alltags, geriet ich ins zentrum der aufmerksamkeit. überall. jederzeit.



alltagsituationen II
„sind das die gleichen oder unterschiedliche lippenstift-farben?“, fragte mich die 80jährige dame in der kosmetikabteilung. „bei dem licht kann ich das schlecht erkennen“, antwortete ich. sie hob den kopf, schaute zu mir hoch, dann wieder an mir runter und fragte sichtlich erstaunt: „ja was sind sie jetzt? mann oder frau?“



„auszug aus dem protokoll der 90. betriebskommissionssitzung
traktandum stellenleitung in der öffentlichkeit. 4. öffentlichkeit und information
mb erklärt, er habe seit seinem sichtbaren wandel im januar – abgesehen von einer bildungsveranstaltung, die problemlos verlief - bisher keine öffentlichen auftritte gehabt. in der funktion der stellenleitung habe er zudem am wenigsten direkte kundenkontakte. anfragen für interviews, auftritte usw. nehme er aber selbstverständlich wie vorher wahr, ebenso den auftritt an der delegiertenversammlung im mai. ew schlägt vor, die delegierten mit einem schreiben vor der DV zu informieren. hr möchte diesen brief auch den delegierten seines bezirks vor der rechnungsversammlung zukommen lassen. unterschrieben mit meinem korrekten namen.“

coming-out-brief
„sehr geehrte damen und herren
hat die suchtpräventionsstelle zürcher unterland erstmals eine stellenleiterin?
ja, fast. seit Kindheit transident (transsexuell, transgender), habe ich mich entschlossen, dies nicht mehr zu verstecken und endlich entsprechend meinem psychischen geschlecht als frau zu leben.
nach vorsichtigen schätzungen sind etwa 1 von 10'000 männern und 1 von 15‘000 frauen transident. andere gehen aufgrund der sehr hohen dunkelziffer infolge angst und scham von weit höheren zahlen bis 1:1000 aus, also von gegen 8000 transmenschen allein in der schweiz. Ich selber kenne in der schweiz dutzende transidenter menschen, von geouteten angestellten bis zu heimlich lebenden führungsleuten.
transidentität ist weder ein virus noch ansteckend, aber möglicherweise angeboren – wie die hautfarbe oder die sexuelle orientierung. sie ist keine krankheit, sondern eine in vielen kulturen als drittes geschlecht anerkannte tatsache - als eine farbe im regenbogen der evolution.
die diskriminierung transidenter menschen ist gesetzlich verboten – analog der-jenigen von homosexuellen, schwarzen oder juden. so erklärte der bundesrat am 26.8.2009 in anlehnung an ein urteil des europäischen gerichtshofs für menschen-rechte, „dass die sexuelle identität teil der geschützten privatsphäre ist. das recht auf persönliche entfaltung sowie körperliche und seelische integrität von transsexuellen menschen ist gewährleistet.“
mein team hat mein coming out schritt für schritt begleitet und steht – nach anfänglicher verwunderung und von respekt getragenen gesprächen – hinter mir. die leistungsfähigkeit der stelle hat weder unter meiner männlichen noch unter meiner weiblichen führung gelitten. im gegenteil: männliche rationalität und weibliche intuition, weibliche bodenhaftung und männlicher humor ergänzen sich – zumal in personalunion - bestens. mit freundlichen grüssen
myshelle baeriswyl“



alltagssituationen III
auf dem schulgelände „hoi papi, äh mami“, alle lachten. „hoi mami, äh papi“ wiederholte der 14jährige seinen lacherfolg. ich ging auf die gruppe von etwa 7 jungs zu. „redet ihr über mich?“ fragte ich. „wie? nein, äh, wir haben nichts gesagt“. beklemmendes schweigen. als ich mich umdrehte, begannen sie zu tuscheln und gingen weg.

 


„in den letzten 3 jahren wurden gemäss trans murder monitoring 681 transmenschen weltweit ermordet - auch in europa. warum?
dass transmenschen ihre mitmenschen oft verunsichern, zeigt die tatsache, dass sie immer wieder opfer von gewalt werden. ich spreche in diesem zusammenhang nicht von transphobie, weil mir diese formulierung die brisanz des themas zu verschleiern scheint. es geht nicht um angst vor transidenten, sondern um hass ihnen gegenüber. vor allem männer lassen sich dadurch verunsichern, dass die in unserer gesellschaft tief verwurzelte vorstellung von der zweigeschlechtlichkeit (mit den daran gebundenen privilegien der männer) durch transmenschen in frage gestellt wird. sie reagieren darauf oft mit vehementer ablehnung, weil sie ihre am biologischen geschlecht festgemachten vorrechte gefährdet sehen.“



alltagssituationen IV
bahnhof zürich. karfreitag morgen früh auf dem weg ins osterweekend. „hey schaut mal!“, rief ein etwa 25jähriger mann seinen beiden kollegen auf der rolltreppe unmittelbar vor mir zu. „was ist denn das? igitt, eine transe. sowas hässliches hab ich noch nie gesehen.“ die beiden anderen drehten sich um, gafften mich unverhohlen an und verzogen abschätzig das gesicht. ich ging kommentarlos weiter. sie folgten mir nicht.

 


„transmenschen stehen – im gegensatz etwa zu schwulen und lesben – vor der schwierigkeit, dass noch kein gesellschaftliches bewusstsein für trans* existiert. die transgenderbewegung steht in den meisten ländern noch am anfang. wer sich outet, exponiert sich - und zwar als ganze person. denn wer sein transsein öffentlich zu leben beginnt, fällt auf. zumindest am anfang oder während der transition – und die kann, vor allem als transfrau, jahre dauern. stimme, körperliche konstitution, die sekundären geschlechtsmerkmale und bestimmte geschlechts-atypische verhaltensweisen ,verraten’ sie – oft ein leben lang.“

 


alltagsituationen V
männer- oder frauengarderobe? männer- oder frauendusche? was mir beim auf-suchen einer öffentlichen toilette längst eine selbstverständlichkeit ist, muss ich mir im hallenbad immer noch kurz überlegen. allfällig negativen reaktionen von frauen kann ich nur schwer etwas entgegnen. im eingang zur dusche belehrte mich der mir entgegen kommende herr: „das ist die männerdusche!“ nahezu ungeschminkt und badkappe tragend fasste ich diesen hinweis als kompliment auf.



„transgender lösen im umfeld häufig irritation, staunen oder fragen aus. es kann zu anzüglichen bemerkungen, belästigungen, beschimpfungen oder gar zu tätlichen angriffen führen, vor allem gegenüber transfrauen. aber selbst wenn keine negativen, sondern positive rückmeldungen aus der umgebung kommen, transmenschen, vor allem transfrauen sind stets und überall den blicken und bewertungen der mitmenschen ausgesetzt. egal was sie tragen, sagen oder tun. der umstand, als transfrau erkannt zu werden, führt unweigerlich zu reaktionen. dies auszuhalten, benötigt kraft, ressourcen und ein gutes selbstbewusstsein.“



alltagssituationen VI
beim joggen kam mir eine klasse mit primarschülerInnen entgegen. ganz am schluss die drei schwierigen jungs. auf ihrer höhe vorbei rennend, rief einer: „hey schaut mal diese nutte!“ reagieren oder negieren? flüchten oder standhalten? habe ich die kraft oder nicht? die lehrerin bedankte sich am schluss für mein plädoyer vor der versammelten klasse für mehr toleranz und zivilcourage. kein schlechter start ins weekend.

 


„auszug aus dem protokoll der 90. betriebskommissionssitzung
traktandum stellenleitung in der öffentlichkeit. 5. auftreten
hr möchte, dass mb öffentlich weniger provozierend auftritt. er ist überzeugt, dass der erste eindruck, auch der über die stelle, der wichtigste ist. es gibt kaum Zeit im kontakt mit politikern, einen negativen ersten eindruck zu korrigieren. es sei irritierend, weil sichtbar, dass mb ein mann ist und frauenkleider trägt. mb berichtet, dass er im arbeitsumfeld bis jetzt keine wirklich negativen reaktionen erhielt. im Gegenteil werde er oft gelobt für seine offene information und auch seinen mut. auch in der öffentlichkeit habe er bis jetzt kaum probleme gehabt, weder am zoll, noch in geschäften oder restaurants. um so mehr überrascht ihn, dass hr von so vielen negativen reaktionen berichte.
auf nachfrage präzisiert hr, er wünsche dezentere kleidung und einen verzicht aufs schminken. mb erklärt, dass er wegen des bartschattens nicht aufs schminken verzichten könne. bezüglich kleidung ist mb überzeugt, sich als frau mindestens ebenso stilvoll zu kleiden wie zuvor als mann und als solcher auch nie negative reaktionen erhielt. auch in seinem Team habe noch nie jemand kleidungsvorschriften erhalten. es sei nicht sein Ziel aufzufallen oder zu provozieren. im gegenteil: er wäre froh, so unerkannt wie möglich als frau leben zu können.“

 


alltagssituationen VII
an ihr solle ich mir ein beispiel nehmen, sagte meine sekretarin plötzlich. an wem, fragte ich? an der neuen pfarrerin, sagte sie. die sei immer adrett und fein angezogen... das neongelbe halstuch sei viel zu grell, bemerkte ungefragt ein arbeits-kollege, wie das meiste, was ich trage. ja was ich denn seiner meinung nach anziehen solle, fragte ich ihn. ein deux-piece, meinte er. wenn ich schon eine frau sein wolle, so solle ich mich auch wie eine anziehen: altersgerecht, rollengerecht, stellengerecht.



„die bewältigung einer transsexuellen entwicklung stellt an die betroffenen menschen sehr hohe anforderungen und führt zwangsläufig zu erheblichen psychischen und psychozialen belastungen, die auch bei meist guter gesundheit in manchen fällen zu einer psychischen erkrankung führen können. diese komplizierten lebenswege können auch scheitern.“



alltagsituationen VIII
es war wieder einer dieser abende. der arbeitstag war ein kampf, allein zuhause, einsamkeitsgefühle steigen hoch, niemand online, telefone verhallen ungehört. alle sind in eingebettet in den kokons ihrer allltäglichen normalität. in meinem männerleben habe ich 3mal geweint, jetzt weine ich 3mal täglich. das schutzschild testosteron ist medikamentös abgebaut. für die phaser fehlt die energie. scotty, beamen! scotty hat sendepause. zum glück wohne ich im 6. Stock.



„das coming-out ist nicht an ein bestimmtes alter gebunden. es gibt transidente menschen, denen ihr anderssein schon in ganz jungen jahren bewusst wird. andere realisieren ihre transidentität erst im fortgeschrittenen alter, viele erst nachdem sie in ehen oder partnerschaften gelebt haben und daraus gar kinder hervorgegangen sind. je nach alter, familiärer und beruflicher situation stellen sich unterschiedliche fragen, gestaltet sich der coming-out-prozess unterschiedlich.“



alltagssituationen IX
„wie sie vorgehen müssen und welche unterlagen sie einschicken müssen, entnehmen sie der wegleitung“, belehrte mich der beamte vom zuständigen amt für zivilstandswesen. ich sagte ihm, dass ich die geforderten unterlagen für meinen antrag auf namensänderung – inkl. der psychiatrischen und ärztlichen gutachten, des heimatscheins, des familienbüchleins sowie der umfangreichen dokumentation über den gebrauch meines neuen namens über die letzten zwei jahre – bereits geschickt habe. „und im übrigen“, fügte er am schluss des telefons noch an, „ob ihrem gesuch stattgegeben wird, hängt auch davon ab, ob sie als frau glaubwürdig sind. und ihre stimme tönt immer noch wie ein mann.“



alltagssituationen X
„du bist hübsch“, sprach mich ein unbekannter 60jähriger in der einkaufsschlange an, „wie geht’s?“ „gut“, sagte ich, „auch wenns nicht immer einfach ist.“ „ach komm“, erwiderte er, „in zürich kein problem.“ mit der prallen einkaufstasche nach hause gehend, bemerkte ich plötzlich, dass er mir folgte. „wo wohnst du?“, fragte er mich, „gehen wir zusammen etwas spielen. du machen massage?“

 


„zukunft free gender?
obwohl ich es als eine grosse bereicherung für alle menschen empfinde, wenn wir zu einer gesellschaft kommen könnten, in der free gender eine lebensmöglichkeit wäre, bezweifle ich, dass wir dahin gelangen werden. auch wenn das konzept der zweigeschlechtlichkeit letztlich eine fiktion ist, wird unsere gesellschaft vermutlich daran festhalten. viel wäre aber bereits gewonnen, wenn wenigstens die mit dieser vorstellung verbundene problematik von möglichst vielen menschen wahrgenommen würde und menschen, die sich, wie transidente, nicht in diese zwangsjacke einsperren lassen wollen respektive können, die freiheit hätten, ein ihnen entsprechendes leben zu führen, und dabei volle gesellschaftliche anerkennung genössen.“



alltagssituationen XI
„die beiden jungen frauen sassen an der busstation und redeten zusammen. als sie mich bemerkten, verstummte ihr gespräch schlagartig, sie schauten mich verwundert an, dann begannen sie zu kichern und zu tuscheln. „hey, ich bin kein gespenst“, rief ich ihnen lachend zu. etwas verdutzt antworteten sie: „nein aber du bist ein mann!“ „falsch“, erwiderte ich. „ok, also du möchtest eine frau sein“, korrigierten sie sich. „nein, ich bin eine“, erwiderte ich.

 


„das coming out von transmenschen ist weniger das ende eines langen bewusst-werdungsprozesses, als vielmehr der anfang eines das ganze leben umfassenden und den alltag in all seinen bezügen durchdringenden transitionsprozesses: namensänderung, personenstandsänderung, anpassung aller ausweise und zeugnisse, hormonbehandlung, logopädie, epilation, psychotherapie, gerichtsverfahren, operationen, streitigkeiten mit krankenkassen, trennung, jobverlust usw.“

 


„der alltägliche umgang in dieser welt formt sich also schleichend, in den meisten fällen wird erst jetzt realisiert, dass die aussenseiterrolle zeitlebens weiter bestehen wird. diese erkenntnis muss geleistet werden, um eine selbstsichere position in einer transsexuellen identität zu finden.“