trans* kulturell

"die navajos haben eine kategorie mensch, die sie two spirits nennen. die two spirits sind jemand, der ein geschlecht annimmt, das nicht sein biologisches ist. die navajos verstehen das. sie lassen ihn gewähren. und sie verunglimpfen diesen menschen nicht - sie ehren ihn. die two spirits sind die schamanen des stammes. sie sind die heiler, die grossen webenden, die künstler." jeffrey eugenides

 

 

Kulturelle Cis-Geschlechtlichkeit, Zweigeschlechtlichkeit und damit verbundene Heteronormativität sind somit das, was Bourdieu (1977, S. 164) als Doxa bezeichnete, als eine „kosmologisch wie politisch institutionalisierte Ordnung, die nicht als eine willkürliche wahrgenommen, d. h. als eine unter anderen möglichen, sondern vielmehr als fraglos und selbstverständlich vorgegebene, als nicht anders funktionierende, also als evidente natürliche Ordnung.“ Dass diese Ordnung keineswegs natürlich oder gar universell ist, zeigt ein Blick auf eine Weltkarte all jener Kulturen, in denen zumindest ein drittes oder gar mehrere Geschlechter existieren:

 

„Auf beinahe jedem Kontinent und in der gesamten Geschichte haben Kulturen mehr als zwei Geschlechter anerkannt, verehrt und integriert. Begriffe wie ‚Transgender‘ und ‚Homosexualität‘ sind neue Konstrukte, die drei Dinge voraussetzen: dass es nur zwei biologische Geschlechter gibt (männlich/weiblich), zwei Sexualitäten (homosexuell/heterosexuell) und nur zwei soziale Geschlechter (Mann/Frau). Doch weltweit haben Hunderte unterschiedlicher Kulturen lang bestehende Traditionen von drei, vier, fünf oder noch mehr Geschlechtern. … eine einheimische hawaiianische Kultur verehrt und achtet traditionell ‚mahu‘, diejenigen, die sowohl männlichen als auch weiblichen Geist verkörpern. Die meisten westlichen Gesellschaften haben weder eine direkte Entsprechung zu dieser Tradition, noch zu den vielen anderen Gemeinschaften ohne strikte Entweder-oder-Konzepte bezüglich Sex, Sexualität und Gender. Die Vielfalt an Geschlechtsbezeichnungen ist weltweit fast grenzenlos.“ (Independent Lens, 2015)


Was einen Mann oder eine Frau ausmacht, ob zwei oder mehr Geschlechter anerkannt werden, inwieweit Körper, Sexualität und soziale Rollen als konstitutiv für Geschlecht gelten – all dies ist vom jeweiligen kulturellen Kontext abhängig und unterliegt kulturellem Wandel. In vielen Gesellschaften, vor allem ausserhalb Europas, unterscheiden sich Geschlechterkonstruktionen und auch die Grenzverläufe zwischen den Kategorien Mann und Frau von den uns bekannten Mustern, gibt es temporäre oder auch dauerhafte Alternativen zu geschlechtlicher Eindeutigkeit, die als „drittes Geschlecht“ bekannt wurden (Schröter, 2012).


Die interessante Forschungsfrage ist somit weniger die nach den Ursachen von Geschlechtsvarianten, denn diese hat es immer gegeben, sondern vielmehr die, warum in den abendländischen Gesellschaften das Primat der Zweigeschlechtlichkeit derart verbreitet ist.



Quellen

 

Bourdieu, P. (1977). Entwurf einer Theorie der Praxis auf der ethnologischen Grundlage der kabylischen Gesellschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp.


Independent Lens (2015) A map of gender-diverse cultures. Arlington, Va.: Public Broadcasting Service. Verfügbar unter:
http://www.pbs.org/independentlens/content/two-spirits_map-html/

 

Schröter, S. (2012). Grenzverläufe zwischen den Geschlechtern aus ethnologischer Perspektive. Aus Politik und Zeitgeschichte, 62(20–21), 49–54.

 

Map of gender-divers cultures (Independent Lens, 2015)